halbmond und mosaïk – intervention Lungern „altä C?h?i?l?ä?turm?“

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Intervention Lungern „altä C?h?i?l?ä?turm?“

halbmond und mosaïk

Lungern „altä C?h?i?l?ä?turm?“
Intervention„halbmond und mosaïk(Projekteingabe)
Juerg Luedi, 19.4. 2013

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Die Intervention „halbmond und mosaïk
arbeitet mit Erinnerungsgeschichten, Repräsentationen und Verschiebungen.

Die Arbeit als dreidimensionale Collage verstanden öffnet einen Raum und schafft einen Platz für eine interkulturelle Auseinandersetzung.
Sie soll beim Betrachtenden individuelle und kollektive, kulturelle, politische und religiöse Repräsentationen in Erinnerung rufen.

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Der Brünigpass diente seit Jahrhunderten als Passage, Transportroute, Grenzort und Durchgangsstation zwischen der Zentralschweiz, den Berner Gebietsschaften und über die Grimsel-Gries-Route mit dem oberitalienischen Domodossola.
Heute ist der Pass hauptsächlich als touristische Wegstation zwischen der Innerschweiz und dem Berner Oberland von Bedeutung.

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Die zweiteilige Arbeit sucht mit den künstlerischen Strategien der Verfremdung und des Verschiebens Imaginationsräume in der Vertikalen mit der Turmspitze und in der Horizontalen mit dem Mosaïk als Intervention im Gelände.

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Warum der Halbmond als Zeichen der Vertikalen? Wie der Mond stets mit Blick gegen den Himmel zu sehen ist, war das Minarett ursprünglich ein Leuchtturm, ein erhöhter Standplatz oder Turm, ein „Ort des Lichts“. Das Minarett ist nicht nur Wahrzeichen einer Moschee, es diente auch als Wachturm.

Formal lassen sich zwei Typen von Türmen unterscheiden: Minarette mit einem quadratischen Schaft wie beim alten Chiläturm in Lungern, deren Vorbild wahrscheinlich bei antiken Leuchttürmen zu suchen ist und Minarette mit Rundschaft, die z. T. auf einen quadratischen Sockel gesetzt werden.
Als Signalturm dienten Minarette der Orientierung für Karawanen. In diesem Sinne bekräftigt die künstlerische Intervention, diese ursprüngliche Funktion und Intention des alten Kirchturms, als weit sichtbares Zeichen der Orientierung und Überwachung der Reisenden.

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Auf der symbolischen Ebene erinnert die Platzierung eines Halbmonds an den religiösen und politischen Konflikt, der am Brünigpass einst die konfessionelle Scheidung
zwischen Bern und den Innerschweizer Orten bildete und der sich heute wieder hin zur aktuellen Auseinandersetzung zwischen christlich-westlicher und östlich-islamischer Welt reaktualisiert hat. Ein Konflikt, der die Schweiz wieder auf Heftigste bewegt hat, als 2009 über die Volksinitiative «Gegen den Bau von Minaretten» (kurz: Minarett-Initiative) abgestimmt worden ist und auch in der Weltpresse grosse Beachtung hervorgerufen hat.
Mit diesem Zeichen soll der Ort als Raum geöffnet werden, um einen Platz zu schaffen für Auseinandersetzungen um kulturelle und gesellschaftliche Themen.

Die Ausführung der Turmspitze sieht einen Halbmond und zwei Kugeln vor.
Der Dachspitz ragt ungefähr 3 m in die Höhe und hat einen Durchmesser von 0.25 m am Fuss. Die Spenglerarbeit wird aus Kupferblech produziert und vor Ort mit Hilfe einer Hebebühne montiert.

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Wenn die Besuchenden angezogen vom Leuchturm, der auch nachts angestrahlt werden kann, diesen besteigen, wird sich ihnen der zweite Teil der Arbeit erschliessen:
Das Mosaïk , eine Bodenarbeit, die sich ins Gelände rund um den Turm schmiegt und Platz bietet  für die Besucher und Bewohnerinnen in Form einer Piazza.

Intervention Lungern „altä C?h?i?l?ä?turm?“

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Die Platzgestaltung ausgehend von der Verbindung in den süditalienischen Raum, woher noch heute die meisten Tunnelbauarbeiter herkommen, repräsentiert den Situationsplan des Umfahrungstunnel von Lungern.
Das Mosaik soll in Form eines Boden-Stein-Mosaik mit dem Tunnelausbruchmaterial erstellt werden und arbeitet mit den Farbwerten des lokalen Gesteins.

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Als Vorbereitungsarbeit würde die Mauer zur Strassen abgerissen werden, um den Platz zur Strasse hin zu öffnen und für Besuchende zugänglicher zu machen.
Die Bodenarbeit nimmt die Topographie auf. Vom ganzen Areal wird ein Terrain von ca. 1000 m2 {4} beansprucht werden, das von der Südmauer zum Turm bis zur Nordgrenze reichen wird. Die östlichen Bereiche fliessen organisch ins Mosaïk über. Die Fläche wird nicht planiert, jedoch leicht geglättet, so dass eine Platzsituation geschaffen wird, die auch Drittnutzungen erlaubt.

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Das verwendete Gesteinsmaterial aus dem Umfahrungstunnel besteht zu mehr als der Hälfte aus Kalkformationen (Quintner Kalk, Kieselkalk usw.), im Weiteren aus mergeligen Gesteinsserien (Vitznau- und Palfrismergel, Schiltformation, Erzeggserie usw.) und Lockergestein. Bei Bedarf werden weitere Quellen aus der Umgebung erschlossen.
Die Spur des Umfahrungstunnel soll zugleich optisch und materialtechnisch hervorgehoben werden und umarmt als Panoramaweg die Turmanlage in einem weiten Bogen.

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Kurze Geschichte des Mosaïks
Das Wort „Mosaik“ stammt vom griechischen Musa“ ab. Die neun Musen sind in der griechischen Mythologie die Beschützerinnen der Wissenschaften und Künste und die Töchter von Zeus, dem Göttervater. Weiterhin ist das Wort Mosaik mit dem lateinischen Substantiv „Musaeum“ verwandt. Musaeum bedeutet Musentempel und ist den Künsten gewidmet. Mosaik haben daher nicht nur mit Kunst zu tun, sondern sind Kunst.
Im Europa des Mittelalters wurden Kirchen meist mit Fußbodenmosaiken geschmückt. Der Stil ist flächig und linear. Im 14. Jh. war das Mosaik weitestgehend von der Malerei verdrängt und verlor seine Bedeutung als eigenständige Kunstgattung. Die Ausschmückung des Petersdoms im 17. Jahrhundert stellte einen Wendepunkt dar, Rom entwickelte sich wieder zum Zentrum der Mosaizisten. Im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Werkstattgründungen (z.B. Paris, Wien, Darmstadt, Venedig). Eine riesige Neubelebung fand die Mosaikkunst durch kunst-und architekturgeschichtlichen Forschungen des Historismus, die zur Restaurierungen und Denkmalerhaltungen anregte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gelang ein neuer Durchbruch zu einer eigenständigen Mosaikkunst, die über Restaurierung und Kopie gefährdeter Kunstwerke hinausging, wie zum Beispiel Niki de Saint Phalle in ihrem Skulpturengarten in der Toskana.

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„halbmond und mosaïk“ versucht gesellschaftliche Konfliktzonen sichtbar zu machen, um Platz zu schaffen für eine öffentliche Auseinandersetzung.
Mit der Umfahrung von Lungern, entsteht für Lungern eine ganz neue Ausgangslage: Der Durchgangsverkehr verlässt die Kantonsstrasse und ermöglicht, dass der Raum neu gedacht und genutzt werden kann. Der „Halbmond“ als Turmspitze zieht von weitem Besuchende an und führt sie auf den „Mosaïk“-platz, der vielseitige Nutzungen im Aussenraum ermöglicht.
Die künstlerische Intervention greift aktiv in den öffentlichen Raum ein, indem sie auf gesellschaftliche Prozesse eingeht und so aktiv versucht interkulturelle Entwicklungen zu thematisieren.
Die künstlerische Strategie der Verfremdung stellt unserer Wahrnehmung die Frage: Ist dies ein Minarett? Was ist ein Symbol? Was ist ein Zeichen? Wie und was evozieren sie in uns? Welche Wirkungsmacht haben Formen in unserer Vorstellungswelt? Was bildet einen Bildraum? Wie bewegen oder werden wir in diesem Raum bewegt? Sind wir die Fahrenden oder werden wir überfahren?
Auf die neue Ausgangssituation von Lungern bezogen: Wie werden wir umfahren und was umfährt uns?
Die Arbeit will die Wahrnehmung und das Sehen schärfen, um vorgespurte Bahnen zu verlassen, um Bekanntes anders zu sehen und als Chance und Möglichkeit ergreifen zu können, um sich einen Wandel aktiv anzueignen.
Die Arbeit „halbmond und mosaïk“ möchte diese Irritation hervorrufen, um einen Ort zu schaffen, der die „Dreiheit“ des Raums aufgreift, die sich nach Lefebvre aus der räumlichen Praxis, der Raumrepräsentationen und der Repräsentationsräumen zusammensetzt.

Juryentscheid 20.4.13: Sonderpreis für das schönste, jedoch zur Realisierung nicht geeignete Projekt.
Die Jury lobt die Konzeption der Arbeit als Gesamtkunstwerk. Während das Mosaik kulturelle Transfers und Verschiebungen adressiert und auch die eigene Historie Lungerns und deren Verschiebungen deutlich macht, adressiert die neue Turmspitze mit Halbmond aktuelle religiöse und/oder politische Identitätsdebatten. Allerdings scheint das Projekt in Lungern nicht realisierbar aus Gründen der mangelden Akzeptanz auf unterschiedlichen Ebenen. Um das Konzept zu würdigen, spricht die Jury dem Projekt einen Sonderpreis zu.

Master Kunst Luzern „ALTÄ CHILÄTURM LUNGERN

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Über juerg luedi

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